Zur Situation in Paraguay

Paraguay ist das zweitärmste Land Südamerikas. Die Einkommen pro Kopf wurden für 1999 - unter Berücksichtigung der Kaufkraftparitäten - auf 4.380 US $ geschätzt. Mindestens 15% der Menschen im Erwerbsalter sind arbeitslos, und es gibt bei den gesamten Lebensverhältnissen große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Zur Zeit erleidet das Land auch gravierende Einbußen durch die Krise in Argentinien, da viele Paraguayaner dort als "Gastarbeiter" tätig waren und nun entlassen wurden.

Zwar werden in Paraguay faktisch alle Kinder eingeschult, aber viele besuchen die Schule nur für wenige Jahre, die nicht genügen, um eine bleibende Schreib- und Lesefähigkeit zu erhalten. So erreichen im Durchschnitt nur etwa 72% der eingeschulten Kinder die 5. Klasse, und die nachfolgende Sekundarstufe wird nur von etwa 46% der Jahrgangsgruppen besucht. (Alle Daten aus UNFPA: Weltbevölkerungsbericht 2001, New York/Hannover 2001, dort nach Zusammenstellungen anderer Sonderorganisationen der UN)

Es gibt große Probleme mit sehr frühen und überwiegend unehelichen Schwangerschaften. Wie in vielen anderen "traditionellen Gesellschaften" ist der Sexualbereich auch in Paraguay stark tabuisiert, und die Jugendlichen werden, insbesondere auf dem Lande, nicht über die möglichen Folgen von Geschlechtsverkehr aufgeklärt und hören nichts von Möglichkeiten einer Empfängnisverhütung. Auch werden viele Mädchen in der männerdominierten "Machismo-Kultur" durch Einschüchterungen und direkte Gewalt mehr oder weniger zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

40% der Mädchen bekommen daher bereits im Alter von 15-19 Jahren ein Kind, manche auch noch früher, und etwa 10% sind bei der ersten Schwangerschaft höchstens 17 Jahre alt (letzteres nach "Population Services International"). Dazu kommen viele Schwangerschaften, die durch Abbrüche beendet werden. Schwangere Mädchen dürfen nicht länger die Schule besuchen und werden meistens nicht vom Kindsvater geheiratet oder in eine feste Beziehung aufgenommen. Auch ist uneheliches Kind eine Schande für die Mädchen. Viele suchen daher Abhilfe in Schwangerschaftsabbrüchen. Diese sind in Paraguay illegal. Es gibt jedoch Möglichkeiten, oft durch Laien, die solche mit unbeschreiblichen Methoden und ohne hygienische Vorkehrungen durchführen. Viele junge Frauen bekommen dadurch eine Sepsis, haben ständig Schmerzen oder müssen dringend in einem Krankenhaus behandelt werden, wenn es eines in erreichbarer Nähe gibt. Eine größere Zahl stirbt daran, und illegale Schwangerschaftsabbrüche sollen die größte Todesursache bei weiblichen Jugendlichen sein.

Auch frühe Geburten sind ohne moderne Geburtshilfe und außerhalb von Krankenhäusern ein Risiko für Mutter und Kind. Die Todesraten sind um so höher, je jünger die unter 20jährigen bei der Geburt sind. Etwa 30% aller Geburten erfolgen noch ohne Hilfe auch nur einer ausgebildeten Hebamme. Im Bereich der größeren Städte sind es sehr viel weniger, auf dem Land aber über 50%. Auf 10.000 Geburten kommen etwa zwanzig Todesfälle der Mutter, davon mindestens ein Viertel auf unter 20jährige. Schließlich ist es auch nicht im Sinne der Jugendlichen und der wirtschaftlichen Entwicklung, wenn die Mädchen wegen einer Schwangerschaft die Schule oder eine Berufsausbildung abbrechen und sich schon um ein Kind kümmern müssen, wenn sie selbst noch nicht erwachsen sind. Dazu kommen die Leiden von Kindern, die als absolut unerwünscht aufwachsen.

Die Frauen der jüngeren Generation haben bis zum 49. Lebensjahr im Durchschnitt vier Lebendgeburten, in den größeren Städten bereits unter drei, auf dem Land aber noch über fünf. Paraguay hat damit die zweithöchste Geburtenzahl pro Frau in Südamerika und aufgrund einer bereits relativ hohen Lebenserwartung der Menschen in den Städten mit Abstand das höchste Bevölkerungswachstum des Subkontinents. Mit jährlich ca. 2,5% ist dieses um 50% höher als die Höchstwerte in Deutschland während der Industrialisierung bzw. jemals waren, und es impliziert eine Verdoppelung der Bevölkerung innerhalb von nur 28 Jahren. Auch blieb das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren dahinter zurück, so dass die Einkommen pro Kopf im Durchschnitt abgenommen haben. Ein höheres Alter bei der ersten Geburt und das Wissen um die Möglichkeiten einer Empfängnisverhütung werden auch zur Minderung von Kinderzahl und Bevölkerungswachstum in der Projektregion beitragen.

Weitere Probleme sind die zunehmenden Gefahren einer Ansteckung mit dem AIDS-Virus und den schon lange verbreiteten Geschlechtskrankheiten, die unbehandelt auch zu einem frühen Tod führen können. Diese Krankheiten werden bisher weithin tabuisiert, und große Teile der Bevölkerung wissen noch immer nichts über die Ansteckungswege. Die Ansteckungen erfolgen zunächst meistens durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Prostituierten und werden dann von infizierten Männern, die nicht wissen, dass sie davon betroffen sind, an Freundinnen und Ehefrauen weitergegeben. Von diesen erhalten etwa ein Drittel der Kinder die Krankheit, wenn sie nicht vorher diagnostiziert und spätestens bei der Geburt behandelt worden ist. Eine umfassende und frühzeitige Aufklärung ist daher dringend erforderlich.

Zur Situation im Projektdistrikt

Der Projektdistrikt Capiìbary liegt ca. 250 Straßenkilometer nordöstlich der Hauptstadt Asuncion, und der Projektort ist die letzten 25 km von allen Seiten aus nur über eine Sandpiste erreichbar. Die meisten Menschen erwirtschaften ihren Lebensunterhalt in landwirtschaftlichen Familienbetrieben, insbesondere durch den Anbau von Maniok, Mais, Sojabohnen und Baumwolle. Die meisten sind arm und leben in strohgedeckten Holzhütten. Auch gibt es unterernährte Kinder.

Es gibt im Projektdistrikt überall Grundschulen, eine größere Zahl von Sekundarschulen (6. bis 7. oder 8. Klasse), einige höhere Schulen in Trägerschaft der katholischen Kirche, aber keinerlei Berufsschulen. Dabei sollen nur etwa 60% aller Kinder noch die Sekundarschule beginnen, viele aber nicht beenden, und ein Drittel der 14-19jährigen praktisch Analphabeten sein. Grund dafür ist zum Teil das Fehlen weiterführender Schulen. Viele Kinder - besonders Mädchen - können jedoch auch gegebene Schulen nur für wenige Jahre besuchen, weil sie schon früh im Haushalt, bei der Betreuung jüngerer Geschwister oder in der Landwirtschaft mithelfen müssen. Über die Schulen kann daher nur ein Teil der Heranwachsenden mit Aufklärungsmaßnahmen erreicht werden. Die betreffenden Maßnahmen direkt durch das Zentrum sind somit - neben den ärztlichen Sprechstunden, der Einrichtung einer Jugendbibliothek und den Berufsausbildungen - von größter Bedeutung für die Jugendlichen des Distrikts.

In dem ganzen Distrikt existiert kein Jugendzentrum, Kino oder eine sonstige Einrichtung für Treffen und gemeinsame Aktivitäten von Jugendlichen. Angesichts all dieser Mängel haben der Pfarrer, der in seinem Gemeindezentrum am Projektort bisher eine kleine Jugendgruppe betreut, sowie die Verantwortlichen der Gemeinde die Stiftung Ricardo Boettner um Hilfe gebeten. Die Gemeinde jedoch hat nicht die Mittel für die erforderlichen Baumaßnahmen. Daher wurde die Organisation "Lebenschancen International" kontaktiert, denen Kofinanzierung in Entwicklungsländern und die inhaltliche Betreuung derartiger Projekte sehr am Herzen liegt.

Die Entscheidung des Arbeitskreis Bildung der Friedrich-Naumann-Stiftung die Realisierung dieses ko-finanzierte Projektes nach besten Möglichkeiten zu unterstützen wurde Anfang 2002 getroffen. Die mittlerweile große Bekanntheit und Resonanz dieses Projektes innerhalb der Stiftung führte dazu, dass nun angedacht ist, diese Art der Zusammenarbeit zwischen Arbeitskreis und Lebenschancen International auf Dauer zu institutionalisieren.